Eifersucht

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Wir sitzen beim Frühstück. Es ist Samstag am Morgen, nein - eher schon Mittag. Die Sonne schaut bereits um die Ecke und verwandelt die Farben auf der Terrasse in ein Lichtspiel.

"Nächsten Dienstag würde ich gerne mit dir zu einer Lesung gehen." Oh, wie schön, denke ich. Ich liebe Literatur, ich liebe es, zuzuhören. Interessiert schaue ich zu dir rüber. "Super gern. Wer liest denn?" frage ich. Doch der Name fällt dir nicht sofort ein. Du beschreibst mir die Frisur der Autorin - markant soll sie sein und ich würde sie ganz sicher kennen, sagst du - während du nach dem Literatur-Newsletter suchst. Ein flüchtiger Blick und ich erkenne die Dame sofort auf dem Foto. Nein, zu dieser Lesung möchte ich ganz bestimmt nicht. Und ja, ich kenne die Autorin und mag weder ihre Literatur, noch ihre politische Gesinnung.

"Aber weiß du, zu wem ich sehr, sehr gerne mal gehen würde?"

Vor wenigen Wochen las ich zum ersten Mal ein Werk von Ferdinand von Schirach. Ich hatte mal zwei Fernsehfilme von ihm gesehen. Ja, sie waren wirklich gut. Aber es war nicht der Stoff, den ich hätte als Buch lesen wollen. Doch ganz zufällig entdeckte ich einen Erzählband von ihm. Allein der Hinweis, es sei eines seiner persönlichsten Werke, machte mich dann doch neugierig.

Schon die erste Geschichte packte mich. Es war die Art von Erzählungen, die überraschten, offenbarten und zudem so gut und in einfachen Sätzen formuliert waren, dass ich mich ertappt fühlte, weil ich ähnlich dachte und auf eine ähnliche Weise beobachtete.

Schon habe ich mein Handy in der Hand, um "Ferdinand von Schirach" und das Wort "Lesung" im Suchfeld des Browsers einzugeben. Tatsächlich, er gibt Lesungen. Ein Mal kurz runter und wieder hochgescrollt sehe ich, dass die Tickets allein von einem großen Eventanbieter verkauft werden. Hamburg, Leipzig, Berlin, ... er tourt mit seinem neusten Buch durch ganz Deutschland und hält Lesungen in riesigen, vermutlich dunklen Sälen. Möchte man ganz vorn sitzen, muss man ziemlich tief ins Portmonaie greifen. Und vermutlich geht man dann in schicker Abendgarderobe dort hin.

Ich hatte schon einige Lesungen besucht. Mal waren 20, mal 40 Zuhörer im Publikum, meist Leute, die die Bücher des Autoren sehr gut kannten und liebten. Sie putzten sich nicht unbedingt heraus, aber sie waren freudig aufgeregt, ihn oder sie endlich aus der Nähe sehen, hören und erleben zu dürfen. Wenn man das Gesicht verzog, etwas flüsterte, kicherte oder hustete, dann reagierte der Vorlesende manchmal mit einer witzigen Äußerung - so dicht dran war man. Das war fast wie im Wohnzimmer und sehr persönlich.

So wünsche ich mir eine Lesung. Zunächst froh darüber, dass er Lesungen hält, bin ich nun enttäuscht darüber. Nun gut, Ferdinand von Schirach ist ein berühmter Autor. Immerhin wurden mehrere Bücher von ihm verfilmt und auch ausgezeichnet. Aber diese Menschenmengen sind mir zuviel, zu unpersönlich. In mir steigt ein Gefühl von Eifersucht auf. Immerhin habe ich ihn gerade für mich entdeckt. Ich lese begeistert seine Erzählungen - wohldosiert jeden Abend nur eine, weil sie mir so gehaltvoll, so wertvoll erscheinen. Was sind das für Leute, die zu seinen Lesungen gehen?